Die Brille: Von der Sehhilfe zum Modeaccessoire
Die Brille als Accessoire entspricht unserem Zeitgeist. Kaum ein Kind wird heute noch mit der altmodischen Formel "Indianerherz kennt keinen Schmerz" erzogen. Moderne Schauspieler verkörpern kaum noch den Typ Schwarzenegger, gefragt sind ausdifferenziertere Charaktere mit interessanten Zügen und Schwächen. Die Wahrnehmung von Brillen reiht sich in diese Entwicklungen nahtlos ein. Wurde die Sehschwäche früher noch als Makel wahrgenommen, ist heute das Gegenteil zu beobachten. Die Tatsache, dass Kontaktlinsen inzwischen eine günstige Alternative darstellen, lässt das Tragen einer Brille zu einer bewussten Entscheidung werden. „Seht her, meine Augen sind schlecht“, so die Message, die von Brillenträgern ausgeht. Dahinter verborgen liegt noch eine viel weitgehendere Aussage. Sie lautet: „Ich muss mich nicht verstecken, mein Selbstbewusstsein ist groß genug!“ Die Brille hat sich damit vom Defizit zum Charaktermerkmal gemausert.
Dieses neue Selbstbewusstsein von Brillenträgern lässt sich auch in der Öffentlichkeit beobachten. Zwar hat man auch schon früher Personen der Öffentlichkeit mit ihren Brillen assoziiert. Gandhi ist ohne sein kleines, rundes Gestell gar nicht vorstellbar. Auch die leicht angestaubte Version von Altbundeskanzler Helmut Kohl mag modetechnisch nicht einmal mehr in die damalige Zeit gepasst haben, Charakter stiftend war sie allemal. Ein Pionier der offensiven Nutzung der Brille als Accessoire mit Wiedererkennungswert ist schließlich ohne Zweifel Woody Allen. Ihm eifert inzwischen eine ganze Generation von Berühmtheiten nach, man denke nur an Schauspieler Johnny Depp, Sänger Thomas D. oder die obskuren Outfits von Lady Gaga, gern unterstrichen mit der passenden Brille.
Nun gab es schon lange coole Brillen zur Verzierung des Gesichts. Allerdings beschränkte sich dieser Trend bis vor kurzem auf Sonnenbrillen. Pilotenbrillen sind dabei der Klassiker bei den Männern, bei Frauen hat sich der Trend zu immer größeren Sonnenbrillen entwickelt. Mehr Beachtung der Passform der Brille zum Gesicht, leichteres Material und dünnere Gläser haben zu einer Verbesserung der Optik und des Tragekomforts auch bei normalen Brillen geführt. Dass die sogenannten Nerdbrillen inzwischen angesagt sind, entspricht exakt dem oben beschriebenen Zeitgeist. Alle Attribute des Uncoolen, Langweiligen und Streberhaften werden mit der Nerdbrille absichtlich angenommen. Wer sich das zutraut, so das vertretene Statement, hat die Anerkennung anderer nicht nötig und demonstriert damit Gelassenheit und Ausgeglichenheit.
Man könnte auch Coolness sagen.
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